Herr Braun, erinnern Sie sich noch daran, wann und wie Sie zum ersten Mal vom Informatik-Biber gehört haben?
Das muss so um 2015 gewesen sein. Die Schule meiner Tochter hat damals noch nicht teilgenommen, ich bin eher zufällig darauf gestoßen. Dann habe ich vorgeschlagen, dass die Schule mitmachen sollte. Im ersten Jahr war das noch improvisiert, im zweiten Jahr habe ich dazugelernt und richtige Partnerschaften mit den Lehrkräften aufgebaut. Von da an haben wir das jedes Jahr ausgebaut, bis irgendwann alle dritten und vierten Klassen dabei waren, genauer gesagt drei von fünf Jahrgangsstufen, weil die Michael-Ende-Schule die ersten beiden Schuljahre auf drei Jahre streckt.
Was hat Sie damals dazu gebracht, die Schule zu motivieren, mit den Schülerinnen und Schülern am Biber teilzunehmen?
Mein grundsätzlicher Antrieb war: Schule hat sich seit meiner eigenen Schulzeit für Eltern sichtbar kaum verändert, obwohl die Welt digital geworden ist. Kinder konsumieren sehr gerne, zum Beispiel Videos, aber kreative Fähigkeiten, Dinge selbst zu erstellen, sind in der Schule weder bekannt noch werden sie genutzt. Irgendeinen Einstieg musste es geben. Beim Informatik-Biber fand ich interessant, dass es dabei um logische Zusammenhänge geht, die nicht immer eine rein sprachliche Fragestellung sind, sondern teilweise auch bildlich ausgedrückt werden können, das passt gut zu unserer Schülerschaft. Und dazu kommt: Der Biber kostet praktisch eine Schulstunde, das ist super zu argumentieren, weil es kaum Investitionsaufwand bedeutet. Ich habe der Schule den gesamten Verwaltungsaufwand abgenommen, die Schüler angemeldet, sodass man sich eigentlich nur noch an den Tag setzen musste.
Wie läuft der Informatik-Biber bei Ihnen an der Schule ganz konkret ab?
Am Anfang war das auf zwei Tage verteilt, weil wir nur einen alten Computerraum hatten, noch keine Tablets. Jede Schulstunde kam die nächste Klasse dazu. Heute haben wir Tablets, das geht sogar schneller. Wir haben uns immer dazugestellt und die Aufgaben besonders langsam und betont vorgelesen, bei Bedarf auch nochmal einfacher erklärt oder paraphrasiert, wobei die Aufgaben über die Jahre auch selbst zunehmend besser vorbereitet wurden. Die Schülerinnen und Schüler sitzen zu zweit am Rechner. Am Ende, meist im Januar, gibt es dann eine kleine Zeremonie in der Aula: Der Schulleiter überreicht jeder Klasse ihre Urkunden, es wird ein Foto gemacht. Jeder bekommt eine Urkunde, unabhängig vom Ergebnis.
Die Michael-Ende-Schule ist eine Förderschule mit Primarbereich. Mit welchen Voraussetzungen und ganz unterschiedlichen Fähigkeiten kommen die Schülerinnen und Schüler an die Biber-Aufgaben heran?
Die Michael-Ende-Schule ist eine Sprachförderschule, das betrifft alle Ebenen: von leichtem Autismus bis zu Kindern, die gar nicht oder nur schwer sprechen, oder die sich nicht richtig ausdrücken können. Ein kleinerer Teil hat zusätzlich Lernschwierigkeiten. Damit das zusammen auftreten darf, müssen bei uns die Sprachschwierigkeiten im Vordergrund stehen.
Was wir zur Vorbereitung immer machen: Ich gebe den Klassenlehrkräften den Auftrag, sich aktiv zu überlegen, wer mit wem zusammenarbeiten will und kann, nicht zufällig, sondern mit Blick darauf, dass es persönlich passt und sich die Kompetenzen ergänzen. Manche können sehr schwer lesen, dann sitzt jemand daneben, der besser lesen kann und die Aufgabe vorliest. So entsteht ein natürlicher Ausgleich im Team.
Was macht den Informatik-Biber gerade für Ihre Schülerinnen und Schüler besonders geeignet oder wertvoll?
Es sind kluge Aufgaben, grafisch und spielerisch, man kann interagieren. Es ist ein Umfeld, in dem sich die Kinder trauen, etwas auszuprobieren, die Aufgaben sind oft grafisch dargestellt, nicht nur lange Texte. Ich glaube, es ist ein gutes Anspruchsniveau: altersgerecht, spielerisch umgesetzt, und die Aufmerksamkeitsspanne passt genau in eine Schulstunde. Nach einer knappen Viertelstunde Vorlauf haben die Kinder etwa eine halbe Stunde konzentriert Zeit, und danach haben sie auch keinen Bock mehr, das ist ganz gut so.
Gibt es bei der Teilnahme auch besondere Herausforderungen? Und wie gehen Sie im Unterricht beziehungsweise während des Wettbewerbs damit um?
Ein klassisches Beispiel: Jemand klickt vorschnell eine Antwort weg, bevor sie korrigiert werden kann, dann ist das weg, das lässt sich technisch nicht mehr reparieren. Das erkläre ich vorher wirklich genau, wie es geht und was man nicht machen soll, zum Beispiel welche Aufgaben automatisch gespeichert werden und welche man extra speichern muss. Dafür haben wir einen Vorlauf von etwa fünf Minuten. Es gibt auch mal Situationen, wo zwei merken, dass die Zusammenarbeit nicht funktioniert, das ist aber auch nicht schlimm, weil es keine Noten gibt und niemand wirklich etwas verliert. Am Ende bekommen alle die gleiche Urkunde.
Beim Biber geht es ja nicht darum, dass man schon programmieren kann oder Informatik-Vorkenntnisse mitbringen muss. Ist genau dieser niedrigschwellige Zugang für Ihre Schülerinnen und Schüler besonders wichtig?
Ja, genau. Und das würde ich auch für die Lehrkräfte nicht unterschätzen. Da sitzen manche und denken: Jetzt kommt wieder irgendeine neue digitale Anforderung, alle haben iPads bekommen und keiner wusste, was man damit anfangen soll. Da gibt es durchaus Berührungsängste. Aber beim Biber sehen die Lehrkräfte dann: Ist doch alles halb so wild, das funktioniert ja. Ich finde, das geht an die gesamte Schulgemeinschaft.
Wie erleben Sie die Kinder beim Bearbeiten der Aufgaben? Gibt es Momente, in denen Sie merken: Da traut sich jemand plötzlich etwas zu, das er oder sie vorher vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte?
Das gibt es immer wieder, ganz regelmäßig, Kinder, die schwer aus sich herauskommen, und wo auch die Lehrkräfte überrascht sind: Das hätte ich dem gar nicht zugetraut. Ich finde das wichtig, weil Lehrkräfte natürlich auch Menschen sind, die andere in Schubladen stecken. Und dann kann ein Kind zeigen: Ich bin vielleicht gar nicht so, wie du denkst, ich kann dich auch überraschen. Das finde ich immer sehr befriedigend, wenn das passiert.
Ich kann dazu eine kleine Geschichte erzählen, die nicht direkt vom Biber, aber im Anschluss daran passiert ist. Wir hatten eine Coding-AG mit Scratch eingerichtet, das hat einige Schülerinnen und Schüler wirklich abgeholt. Ein autistischer Junge in der Klasse meiner Tochter hat darüber herausgefunden, dass genau das ist, was er immer machen will, er möchte jetzt Richtung Informatik. Und ein Lehrer, der das Konzept an eine andere Schule mitgenommen hat, hat mir von einem Jungen erzählt, der im Hort nie gesprochen hat, aber so stolz auf sein Coding-AG-Projekt war, dass er es am Schuljahresende vor der gesamten Schule vorgestellt und dabei gesprochen hat, etwas, wozu er sich sonst nie durchringen konnte. Es ist erstaunlich, wie wichtig kreative, sendende, statt nur konsumierende, empfangende, Kommunikation über Technik sein kann.
Erleben Sie, dass die Biber-Aufgaben andere Fähigkeiten sichtbar machen als klassische Unterrichtsaufgaben?
Ja, ganz offensichtlich das, was man algorithmisches Denken nennt: welche Schritte ich nacheinander gehen muss, um zu einem Ergebnis zu kommen. Das kommt überraschend selten im regulären Unterricht vor, selbst bei mathematischen oder naturwissenschaftlichen Themen wird meist nur die fertige Methode vermittelt, aber nicht, wie man auf sie kommt. Beim Biber dagegen: Entweder findest du selbst eine Regel, oder du bekommst eine Regel und überlegst, was du damit anfangen kannst. Solche Aufgaben kenne ich aus dem klassischen Matheunterricht so eigentlich nicht.
Welche Rolle spielen Erfolgserlebnisse beim Biber für die Schülerinnen und Schüler, gerade auch für Kinder, die im Schulalltag vielleicht häufiger erleben, dass ihnen etwas schwerfällt?
Eine große Rolle. Eine typische Schwierigkeit unserer Schülerschaft ist, dass sie das, was in ihrem Kopf passiert, Geschichten, Emotionen, Gedanken, nur schwer nach außen bringen können, sodass die Umwelt etwas damit anfangen kann. Beim Biber gibt es zum Beispiel ein Puzzlefeld mit einer klaren Regel darüber, und wenn ich die Teile richtig verschiebe, zeige ich damit, dass ich die Regel verstanden habe, ohne sie extra erklären zu müssen. Das gibt vielen ein Erfolgserlebnis. Und weil sie zu zweit arbeiten, hilft das zusätzlich: Man versteht sich, man ist trainiert darauf, aufeinander einzugehen. Manchen fällt es schwer, überhaupt auszudrücken „Das kann ich nicht“ oder „Das muss ich anders machen“, man sieht es ihnen an, sie werden nervös, aber es kommt nicht so leicht raus. Da hilft die Zusammenarbeit zu zweit sehr.
Was nehmen Sie als Begleiter aus dem Informatik-Biber mit? Lernen Sie durch die Teilnahme manchmal auch etwas Neues über Ihre Schülerinnen und Schüler?
Ständig. Manche sind plötzlich vorlauter als sonst, manche lösen Aufgaben, die man ihnen vom Unterricht her nicht zugetraut hätte. Es gibt auch die andere Seite: Es gab Situationen, in denen zwei Kinder gemerkt haben, dass sie einfach nicht gut zusammenarbeiten können, auch das ist eine Erfahrung, keine schlimme, weil es keine Note und keinen echten Verlierer gibt. Einmal ist jemand sogar in Tränen ausgebrochen, weil etwas nicht so geklappt hat wie erhofft, da sind die Lehrkräfte eigentlich ganz gut darin, das aufzufangen. Am Ende bekommen alle die gleiche Urkunde, darauf kann man auf dem Foto nicht unterscheiden, wer wie abgeschnitten hat. Das zählt am Ende, und niemand hat davon einen Nachteil.
Der Informatik-Biber läuft dieses Jahr zum 20. Mal. Was wünschen Sie dem Wettbewerb für die nächsten Jahre, gerade mit Blick auf Inklusion und unterschiedliche Lernvoraussetzungen?
Die Breite ist das, was zählt. Wenn ich sage, was mich enttäuscht: dass ich es bisher nicht geschafft habe, dass jede Grundschule in unserer Stadt mitmacht. Das würde ich mir wünschen. Ich habe mich auch schon mit anderen ausgetauscht, unter anderem im Rahmen der BWINF-Alumni, ich bin selbst Mitglied, , wie man das vielleicht über eine nichtstaatliche Initiative angehen könnte: dass Alumni des Bundeswettbewerbs Informatik einmal im Jahr in eine Schule in ihrer Nähe gehen, ähnlich wie es Uni-Alumni bei Uniführungen machen.
Frankreich ist da ein gutes Beispiel: Dort ist die Teilnahme im Lehrplan verankert, deswegen nehmen fast 100 Prozent der Schulen teil. Die haben schon in den 1980er-Jahren mit dem BBC Micro angefangen, und auch die Raspberry-Pi-Foundation und letztlich jedes Mobiltelefon mit ARM-Prozessor bauen auf Patenten auf, die damals entstanden sind, weil man eine staatliche Verankerung der Informatikbildung wollte. Das werden wir in Deutschland aufgrund des Föderalismus so nicht bekommen. Aber über die BWINF-Alumni haben wir zumindest eine Basis. Es kostet ja wirklich nicht viel, einen halben Vormittag, von der ersten bis zur sechsten Stunde. Was bleibt, ist der Verwaltungsaufwand, den ich der Schule bislang abgenommen habe, vor allem, weil manche Lehrkräfte sich schwertun, Teilnehmendendaten korrekt in Excel einzutragen.
Und zum Abschluss: Wenn Sie einer Kollegin oder einem Kollegen an einer anderen Förderschule in einem Satz erklären müssten, warum sie oder er den Informatik-Biber unbedingt einmal ausprobieren sollte, was würden Sie sagen?
Wenn ich das auf ein Wort reduziere: Teilhabe. Wir haben in Deutschland ein Teilhabeproblem, nicht nur zwischen Behinderung und Nichtbehinderung, sondern auch entlang sozialer Herkunft. Informatik ist der Fachbereich, in dem man mit vergleichsweise wenig Aufwand am ehesten sehr viel Effekt erzielen kann. An einer Förderschule gilt das umso mehr: Wenn ich das heute nicht mache, verhindere ich aktiv, dass die Kinder, die zu meiner Schule kommen, eine Chance auf Teilhabe bekommen.