Aufgabenautor seit den Anfängen

Michael Weigend

Michael Weigend gehört seit den Anfängen zum Autorenteam des Informatik-Bibers. Kennengelernt hat er den Wettbewerb an der Universität Münster, geblieben ist er bis heute: als Aufgabenautor, als Lehrer an einer Gesamtschule und als Autor von Lehrbüchern zu Programmierung, Modellierung und Künstlicher Intelligenz.

Zum 20. Informatik-Biber haben wir mit ihm darüber gesprochen, wie aus einem Projekt ein Freundeskreis über vier Kontinente wurde, was eine Eisbestellung mit einem Stapelspeicher zu tun hat und warum der Biber den Lehrplänen oft um Jahre voraus ist.

Die Idee des Bibers ist genial: kurze Aufgaben, die interessante intellektuelle Herausforderungen sind und Neugierde wecken. Allein aus diesem riesigen Wissensbereich kleine, in sich plausible und geschlossene Inselchen herauszufinden, die man zu einer Aufgabe machen kann – das ist ja schon toll. Und unheimlich hilfreich.

Das Interview

Sie gehören seit den Anfängen zum Autorenteam des Informatik-Bibers. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie auch 20 Jahre später noch dabei sein würden?

Nein, das war mir damals natürlich nicht klar, weder, worauf ich mich da eingelassen hatte, noch, dass ich so lange dabeibleiben würde. Der Biber hat eine sehr erfolgreiche Entwicklung genommen. Damit habe ich damals nicht gerechnet.

Wie sind Sie überhaupt dazugekommen?

Ich war damals an der Universität Münster. Wolfgang Pohl hatte Kontakt zu Marco Thomas aufgenommen, und daraus entstand ein Treffen in Münster, mit dabei war auch einer der Mitbegründer aus den Niederlanden. Die Uni Münster ist ein Jahr später wieder ausgestiegen, ich bin geblieben. Ich habe ehrlich gesagt nie verstanden, warum Marco Thomas nicht weitermachen wollte. Er hat mich dann sozusagen als Vertreter der Uni Münster zum Biber geschickt.

Sie schreiben, der Informatik-Biber sei zu einem Teil Ihres Lebens geworden. Was meinen Sie damit?

Zu Beginn, an der Uni Münster, war das Teil meines Berufslebens, ich bekam ja Geld dafür, dass ich daran arbeitete, und der Biber gehörte dazu. Danach wurde es eine Freizeitaktivität, und allein dadurch ist es ein Teil meines Lebens. Vor allem aber habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, mit denen ich inzwischen befreundet bin. Man trifft sich auch außerhalb des Bibers; mit einem Kollegen mache ich regelmäßig Fahrradtouren. Die Community ist also ein Teil meines Freundeskreises geworden.

Steckt darin vielleicht sogar ein Teil des Erfolgs, dass hinter dem Biber eine Community steht, die sich gut versteht?

Ganz genau. Es herrscht eine Art Vertrauensstimmung, Freundschaftsstimmung. Konkurrenz gibt es eigentlich nicht, und alle sind mit ganzem Herzen dabei; sie sehen das nicht nur als Job. Dabei sind die Hintergründe sehr unterschiedlich: Es sind längst nicht alle aus der Schule. Es sind auch Journalistinnen und Journalisten dabei oder Leute, die nur für ein paar Monate im Jahr voll einsteigen, in Asien zum Beispiel, in Malaysia. Die unterschiedlichsten Menschen, aber alle mit Begeisterung.

Durch den Informatik-Biber sind Sie mit Menschen aus aller Welt in Kontakt gekommen. Welche Rolle spielt diese internationale Community für Sie fachlich?

Man bekommt ganz schnell Einblicke und Informationen aus erster Hand: über fremde Schulsysteme, über die Rolle des Informatikunterrichts, und auch darüber, welche Vorstellungen es überhaupt davon gibt, was Informatik ist. In Japan zum Beispiel zählt Data Science zur Informatik und kommt auch im Abitur vor: das Auswerten von Daten, das Interpretieren von Diagrammen. Bei uns gehört das nicht so richtig dazu; Aufgaben, die ich früher in diese Richtung eingereicht hatte, wurden abgelehnt mit dem Hinweis, so etwas mache man eher im Mathematikunterricht. Solche Informationen bekommt man eben ganz schnell aus der ganzen Welt: Wenn man eine Frage hat, fragt man jemanden, und weiß anschließend Bescheid.

Und persönlich?

Man kommt Menschen nahe, die sehr weit weg wohnen und aus einem ganz anderen Kulturkreis stammen, und spricht über Themen, über die man rein geschäftlich nicht sprechen würde. Ich erinnere mich an Abendessen, bei denen man zusammensitzt und feststellt: Hier sitzen Leute von vier Kontinenten an einem Tisch. Und dann redet man auch über Religion, über tiefgehende kulturelle Fragen. Auf einer rein wissenschaftlichen Konferenz würde man das nicht tun. Aber weil man sich so lange kennt, geht das, und man bekommt ein deutlich besseres Verständnis vom jeweils fernen Land. Hinzu kommt, dass das kein punktuelles Ereignis ist, sondern ein Prozess über Jahrzehnte.

Gibt es Begegnungen oder Erlebnisse auf internationalen Aufgabenworkshops, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Letztes Jahr hatten wir den internationalen Workshop in Seoul. Als das bekannt wurde, sprach mich sofort mein Freund Seiichi Tani aus Tokio an: Tokio sei ja nicht weit von Seoul, ich solle doch anschließend zu ihnen kommen. Das habe ich gemacht und bin noch ein paar Tage geblieben. Er hat mir eine technikorientierte Eliteschule in Tokio gezeigt, der Schulleiter dort entwickelt selbst Biber-Aufgaben, , außerdem seine eigene Universität, und er hat mich mit einem Wissenschaftler zusammengebracht, der Informatikunterricht für den Kindergarten entwickelt. Absolut spannend. Solche Begegnungen und Erlebnisse bekommt man eben, wenn man Teil dieser Community ist.

Ist die Community über die Jahre stabil geblieben?

Ein Kern ist schon sehr lange dabei, und es kommen immer wieder Neue dazu, China zum Beispiel ist ganz frisch dabei, die kennen wir noch nicht so gut. Seiichi Tani aus Tokio kenne ich tatsächlich seit 20 Jahren. Und einige haben mich auch schon zu Hause besucht: Ein Kollege von ihm war hier in Witten. Er schrieb mir, er sei auf einer Tagung in London, und Witten sei ja nicht weit von London, da komme er mal schnell für ein paar Tage vorbei. Witten bei London. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt.

Was hat Sie damals gereizt, Aufgaben für den Informatik-Biber zu entwickeln?

Die Frage, wie Informatik für alle funktionieren kann, interessiert mich schon sehr lange. Der Ausgangspunkt war für mich die FernUniversität in Hagen, vor langer Zeit: Ich war dort abgeordneter Lehrer am Lehrstuhl für Theoretische Informatik. Ein sehr schwieriges Fach, viele Studierende haben damit Schwierigkeiten und steigen deswegen aus. Meine Aufgabe war es, das in Vorlesungen und Workshops so zu präsentieren, dass es jeder versteht. Das war meine Herausforderung, und es hat mir riesigen Spaß gemacht. Ich habe unheimlich viele Folien gemalt und mir Geschichten überlegt, wie man schwierige Themen an den Mann bringen und einen Einstieg finden kann, ein intuitives Verständnis. Das war für mich der Einstieg in die Didaktik der Informatik, und letztlich auch die Motivation, Aufgaben und Texte zu finden, die alle verstehen können.

So etwas muss man auf Uni-Niveau machen, aber eben auch für die Kleinen. Ich habe meinen Kindern immer gesagt: Stellt euch vor, der Mann vom Mond kommt und stellt eine Frage. Ihr müsst es so erklären, dass er es versteht, man weiß ja nicht, was sein Alltag und sein Vorverständnis ist.

Eine gute Biber-Aufgabe wirkt oft spielerisch, dahinter steckt aber viel Informatik. Was macht für Sie eine wirklich gelungene Biber-Aufgabe aus?

Das Allerwichtigste, was über allem steht: Es muss eine Idee dahinterstecken, die plausibel ist und die man sofort erfasst. Auf einen Blick. Manchmal reicht eine Abbildung, und man weiß sofort, worum es geht und was die Herausforderung ist. Nichts Gekünsteltes, sondern etwas, das sofort einleuchtet und dem Leser sinnvoll erscheint. Der Text kommt dann dazu, und der muss ohnehin so kurz wie möglich sein.

Zweitens muss die Aufgabenstellung glasklar sein, da darf es keine Zweifel geben. Und man muss das Gefühl haben, dass man eine Lösung finden kann. Es darf nicht passieren, dass jemand sofort abschaltet, sagt „Das kriege ich sowieso nicht raus“, irgendetwas anklickt und zur nächsten Aufgabe geht. Das passiert leider oft, schön wäre, wenn die Aufgabe so ist, dass es eben nicht passiert.

Das Allergrößte ist aber, wenn man in der Aufgabe etwas entdeckt, das ein Grundprinzip der Informatik ist. Man setzt sich mit einem Problem auseinander, löst es, und später, vielleicht erst bei der Erklärung der Lösung oder im Abschnitt „Das ist Informatik“, stellt sich heraus, dass man dabei ein ganz wichtiges Grundprinzip gefunden hat. Das sind für mich die besten Aufgaben.

Haben Sie ein Beispiel?

Mir fällt zuerst eine eigene Aufgabe ein: die Ballon-Aufgabe. Da gab es eine Maschine, die Ballons aufblasen musste, und am Ende sollte ein bestimmtes Muster herauskommen. Dabei entdeckt man, wie unglaublich wichtig es ist, in welcher Reihenfolge man Anweisungen ausführt.

Ein zweites schönes Beispiel ist die Eis-Aufgabe. Man bestellt drei Sorten (Erdbeer, Zitrone, Schokolade) in einer bestimmten Reihenfolge, weil den Kindern die Reihenfolge wichtig ist. Dahinter steckt ein Stapel, ein Stack: Was man zuletzt daraufgetan hat, nimmt man als Erstes wieder weg. Man hat als Erstes die Zitrone bestellt, kommt aber als Letztes an diese Kugel. Man entdeckt bei der Aufgabe also, was ein Stack ist, und man hat es hautnah erlebt.

Wie entsteht eine neue Biber-Aufgabe? Beginnen Sie eher mit einer informatischen Idee, einer Geschichte oder einer Alltagssituation?

Ich habe keine spezielle Herangehensweise, die Aufgaben entstehen bei mir eigentlich automatisch, und zwar über meine Bücher. Wenn man einen Buchtext entwickelt, sucht man ständig nach Möglichkeiten, die Leserinnen und Leser zu aktivieren und neugierig zu machen: kleine Zwischenfragen, nicht selten auch Rätsel. Solche Rätsel und Zwischenfragen kann man wunderbar zu Aufgaben weiterentwickeln.

Das Zweite hängt ebenfalls mit den Büchern zusammen: Oft suche ich nach anschaulichen Erklärungen, Alltagsgeschichten, die irgendein Prinzip illustrieren sollen, oder eine gute Abbildung. An so eine Abbildung knüpfen sich dann gern kleine Aktivitäten, und das ist praktisch schon eine Biber-Aufgabe. So etwas fällt mir sofort auf, ich notiere es und lege es in meine Ablage. Wenn es dann so weit ist, hole ich die gesammelten Ideen heraus und mache die Aufgaben daraus.

Woher nehmen Sie Ihre Ideen? Entstehen sie eher am Schreibtisch oder begegnen Ihnen gute Aufgaben auch im Alltag oder auf Reisen?

Eigentlich entstehen die Ideen überall. Ich sitze tatsächlich viel am Schreibtisch, da entstehen auch Ideen. Aber ich schiebe immer körperliche Aktivitäten dazwischen, Fahrrad fahren, lesen, Hausarbeit. Dabei arbeitet der Kopf weiter, und dabei entstehen dann eben auch die guten Ideen.

Und dann sind da die Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Mit einem Kollegen aus Österreich fahre ich im Herbst immer Fahrrad, und dabei reden wir auch über Biber-Aufgaben. Manche Ideen entstehen genau dort, im Gespräch beim Fahrradfahren.

Sie schreiben seit vielen Jahren Lehrbücher zu Programmierung, Modellierung und inzwischen auch zu Künstlicher Intelligenz. Wie beeinflussen sich Ihre Arbeit als Buchautor und Ihre Arbeit für den Informatik-Biber gegenseitig?

Absolut, und in beide Richtungen. Inhaltlich: Auf den internationalen Workshops, und auf anderen wissenschaftlichen Konferenzen, wo man wiederum Leute aus der Biber-Community trifft, da gibt es viele Überschneidungen, bekommt man mit, was international läuft, welche Themen interessant sind und welche langsam in die Schulen kommen.

Und dann das Sprachliche: An guten Biber-Aufgaben aus anderen Ländern und von anderen Leuten sieht man Ideen, wie man Dinge erklären und Texte interessant gestalten kann. Da bekomme ich Input, und ich behaupte, dass ich umgekehrt auch ein paar Anregungen geben kann. Man freut sich immer, wenn die dann angenommen werden.

Die ganz große Herausforderung ist ohnehin dieselbe: zu schwierigen Themen kleine, abgegrenzte Aspekte zu finden, zu denen man interessante Aktivitäten entwickeln kann. Und die sind eben auch für Bücher interessant, etwa als Einstieg in ein Kapitel.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Es gab einmal eine Biber-Aufgabe, bei der man in einem komplexen dreidimensionalen Gebäude den kürzesten Weg von A nach B finden sollte. Ich arbeitete gerade an einem Buch über 3D-Modellierung, und habe dieses Gebäude einfach als Aufgabe in das Buch übernommen: Ich habe gezeigt, wie man dieses 3D-Modell erstellt und daraus am Ende die Abbildung gewinnt. Und in einem Kasten stand dann die Biber-Aufgabe selbst, mit einem Hinweis. Ein bisschen Reklame.

Bevor eine Aufgabe im Wettbewerb landet, wird sie intensiv diskutiert, getestet und häufig noch einmal überarbeitet. Wie läuft dieser Prozess ab?

Der Prozess ist eigentlich sehr, sehr lang und komplex. Phase eins: Die Aufgabe wird entwickelt, bei uns von den Leuten, die in Deutschland daran beteiligt sind. So kommen etwa 20 Aufgabenvorschläge zusammen, manchmal 25. Dann gibt es ein Treffen in Bonn, bei dem wir über die Aufgaben diskutieren und ungefähr zehn Vorschläge auswählen. Erst sind das ja nur ganz grobe Entwürfe; die werden ausgefeilt, dann reviewed, dann noch einmal überarbeitet, und schließlich ins internationale Repository eingestellt.

Dann folgt das internationale Review-Verfahren: Jeder, der zur Community gehört, kann Aufgaben reviewen und kommentieren. Die Autorin oder der Autor überarbeitet daraufhin erneut und sollte auch begründen, was übernommen wurde und was man aus bestimmten Gründen anders machen möchte.

Seit zwei Jahren gibt es als Zwischenschritt zusätzlich ein Pre-Review: Zwei besonders erfahrene Mitglieder der Community lesen die Aufgaben, schauen sich an, was geändert worden ist, fassen die Kommentare zusammen und treffen eine Art Vorauswahl in drei Kategorien, Aufgaben, die fast perfekt sind, bei denen man kaum noch etwas machen muss; Aufgaben mit vielen Änderungen; und Aufgaben, die wahrscheinlich ungeeignet sind.

Danach kommt der internationale Workshop, wo in Arbeitsgruppen an den Aufgaben gearbeitet wird. Dabei muss man bedenken, dass diese Arbeitsgruppen sehr gemischt sind, da sind auch Leute dabei, die keinen richtigen Informatik-Hintergrund haben. Und da führt nicht immer jede Überarbeitung wirklich zu einer Verbesserung; es sind auf solchen Workshops auch schon Aufgaben mehr oder weniger kaputtgemacht worden. Das ist aber sicherlich die Ausnahme, meistens ist es eine Verbesserung. Das Wichtigste ist ohnehin die Auswahl der Aufgaben: Dort entsteht der internationale Aufgabenpool, je nachdem zwischen 100 und 200 Aufgaben.

Aus diesem Pool wählen wir dann in einer Videokonferenz, das dauert nur einen Tag, die Aufgaben aus, die für die deutschsprachigen Länder sowie Ungarn und Luxemburg genommen werden sollen. Und dann kommt die Übertragung ins Deutsche, bei der noch einmal sehr viel an den Aufgaben überarbeitet wird. Finalisiert werden sie dann auf dem Übersetzungsmeeting.

Und woran erkennen Sie, dass eine Aufgabe wirklich „fertig“ ist?

Das ist wirklich schwierig. Ich glaube, wir betrachten eine Aufgabe als fertig, wenn man sie schnell, in kurzer Zeit lösen kann. Dass es eine geeignete Aufgabe ist, dass Informatik dahintersteckt, dass sie für die Zielgruppe interessant ist, das ist vorher schon geprüft worden. Am Ende geht es um die Fertigstellung: Die Texte müssen kurz sein, die Abbildungen gut erkennbar, und man verzichtet auf Verzierungen, die nur ablenken können. Das ist, glaube ich, das Wichtigste: Jemand, der die Aufgabe nicht kennt, muss sie in ganz kurzer Zeit verstehen und lösen können.

Lehrkräfte loben ausdrücklich, dass die Aufgaben immer noch zur Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler passen. Wie schwierig ist das?

Es muss ja gar nicht unbedingt der Alltag sein. Ich finde auch Fantasy-Aufgaben gut, sie müssen nur aus der Vorstellungswelt der Kinder kommen. Mit den alten Griechen haben sie vielleicht nichts am Hut, aber wenn eine Aufgabe im Weltraum stattfindet, ist das gar nicht schlecht. Und wenn Fantasiewesen mitspielen, Geister, Geisterschlösser, das sind natürlich keine realistischen Szenarien, aber sie passen zur Fantasiewelt der Kinder.

Dass uns das gelingt, liegt auch daran, dass wir echte Fachleute dabeihaben. Gerade auf den internationalen Konferenzen sind Menschen dabei, die im Primarschulbereich tätig sind, Journalistinnen und Journalisten, Leute, die mit Kinderliteratur zu tun haben, und Leute, die in ihren Ländern selbst Wettbewerbe und Workshops für Kinder durchführen. Da steckt schon einiges an Kompetenz dahinter.

Werden die Aufgaben denn mit Kindern der jeweiligen Altersgruppe getestet?

Systematisch, meines Wissens, nicht. Das wäre sehr aufwendig. Ich glaube aber auch, dass es nicht unbedingt sein muss: Beim Biber geht es vor allem um Reklame für die Informatik und nicht um objektive Leistungsmessung. Wenn das ein Leistungstest wäre, müsste man ihn wirklich ausführlich erproben, das wäre etwas anderes. Wir vertun uns oft, was den Schwierigkeitsgrad betrifft, den schätzen wir häufig falsch ein. Aber das finde ich eigentlich nicht so tragisch.

**Gibt es eine Aufgabe, auf die Sie besonders stolz sind oder die Ihnen bis heute besonders am Herzen liegt?**Ja, eine Aufgabe, die vor etwa zwei Jahren für die Jüngsten kam. In dieser Aufgabe sind meine Enkelkinder die Protagonisten: Lars zeichnet Blumen, und seine kleine Schwester Carlotta versucht, die Bilder mit bunter Fingerfarbe zu verschönern. Dann kann man natürlich nichts mehr erkennen, und die Herausforderung besteht darin, in den übermalten Bildern die Originale wiederzuentdecken. Das Spannende ist der informatische Hintergrund: Dahinter steckt eine ganz moderne Technik der generativen KI, nämlich Diffusionsmodelle. Auch dort versucht ein neuronales Netz, aus einem verrauschten Bild das Original zu rekonstruieren.

Ich bin auch deshalb stolz darauf, weil die Aufgabe in vielen Ländern verwendet wurde und sogar in Schulbüchern auftauchte. Auf den letzten internationalen Meetings habe ich davon ein paar Fotos gemacht und sie meiner Tochter geschickt. Dann sah man, wie ihre Kinder in Schulbüchern in Pakistan und weiß der Teufel wo auf der Welt auftauchen.

Und die Szene selbst kennt jeder, der Kinder hat oder mit Kindern zu tun hat. Das ist ein Gag, den vor allem die Eltern verstehen.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Informatik rasant entwickelt, zuletzt vor allem durch Künstliche Intelligenz. Hat das auch die Art verändert, wie Sie Biber-Aufgaben entwickeln?

Inhaltlich natürlich: Aspekte der KI machen wir zu Aufgaben für den Informatik-Biber. Und von der Arbeitsweise her finde ich schon, dass die generative KI zu einer Verbesserung der Texte führt. Die Texte werden ja zunächst auf Englisch produziert, und nur wenige von uns sind Native Speaker, da wird den Autorinnen und Autoren geholfen, die sprachliche Qualität zu verbessern.

Bei den Texten hilft die KI außerdem, Dinge auf Richtigkeit zu kontrollieren. Man ist ja oft unsicher, ob man etwas richtig formuliert oder vielleicht zu stark vereinfacht hat. Fachleute helfen da, aber nicht jeder ist Fachmann oder Fachfrau für alles. Und sie hilft, Belege zu finden, wenn man etwas durch Literatur belegen möchte. Ich glaube schon, dass die Qualität der Texte dadurch steigt.

Bei den Illustrationen sehe ich das anders. Die von der KI erzeugten Bilder finde ich nicht so schön. Aber sie geben Anregungen: Für den kreativen Prozess ist das super, man bekommt jede Menge Ideen und schon einmal Skizzen. Ich mache das für meine Bücher genauso und nutze ständig generative KI, um Ideen für Illustrationen zu bekommen. Aber das Endprodukt muss man selber machen.

Wenn Sie auf 20 Jahre Informatik-Biber zurückblicken: Worauf sind Sie besonders stolz?

Der Biber ist wirklich eine tolle Reklame für die Informatik. Ich habe das selbst als Lehrer an der Gesamtschule erlebt: wie gut die Kinder die Aufgaben fanden und wie gern sie sie lösten, nicht alle, aber viele. Und wie sehr sie die Wettbewerbssituation liebten. Ich hatte an meiner Schule immer dafür gesorgt, dass die Besten aus jeder Klasse einen Preis bekamen, gesponsert von Industrie und Gewerbe hier in der Umgebung, meistens Buchpreise von Buchhandlungen. Die Kinder fanden es toll, für ihre Leistung eine Urkunde und einen Preis zu bekommen, auch wenn die Preise klein und bescheiden waren. Es gab eine Preisübergabe mit dem Schulleiter, ein Foto für die Schülerzeitung, diese ganze Wettbewerbsgeschichte kam unheimlich gut an. Das ist die kleine Ebene vor Ort, und ich denke, das findet an vielen Schulen in Deutschland in ähnlicher Form statt.

Im Größeren ist es eine Bereicherung für den Unterricht, auch das habe ich erlebt, dass Lehrerinnen und Lehrer die Aufgaben im Unterricht verwenden. Es gibt inzwischen sogar Schulbücher, die damit arbeiten: In Irland kenne ich eine Reihe, die auf Biber-Aufgaben aufbaut und weiterführende Aufgaben dazu erfunden hat. Oder die Aufgabenkarten aus der Schweiz und aus Litauen, mit denen man Biber-Aufgaben unplugged im Unterricht lösen kann. In Deutschland wüsste ich allerdings keinen Schulbuchverlag, der das übernommen hätte.

Und im dritten Schritt geht es weiter bis zur Curriculumentwicklung. Die Biber-Aufgaben enthalten immer schon Themen, die vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren ins Curriculum kommen, Curricula werden ja nicht so oft überarbeitet. Wir sind da absolute Vorreiter und versuchen, die neuen Themen einzubringen. Darauf bin ich auch stolz, dass uns das gelingt.

Informatik gilt in Deutschland trotzdem immer noch als etwas „Nerdiges“. Woran liegt das?

Das ist teilweise auch ein bisschen von uns selbst verschuldet. Im Informatikunterricht, insbesondere in der Oberstufe, ging es früher fast nur um Programmierung, um objektorientierte Programmierung, sehr speziell, sehr schwierig und ein bisschen von den Uni-Curricula abgeschaut. Jetzt merkt man, dass man viel mehr in die Breite gehen muss, weil es viel mehr Themen gibt: KI, Cybersecurity, Blockchain sind alle neu dazugekommen. Viele Dinge muss man dafür nicht mehr so tief behandeln, sondern vielleicht etwas oberflächlicher, aber so, dass die Grundideen wenigstens gut rüberkommen. Die Niederländer nennen das ein bisschen spöttisch „Polder-Curriculum“, Polder sind ja diese ganz flachen Gewässer. Das ist vielleicht ein bisschen extrem; gerade in der Oberstufe kann man schon in die Tiefe gehen. Aber man muss dafür sorgen, dass die Grundideen vermittelt werden und es nicht zu technisch wird.

Insgesamt wird die Informatik durch diese Entwicklung in der Gesellschaft sichtbarer, und daraus ist auch der öffentliche Druck entstanden, Informatik in die Schulen zu bringen. Vor 20 Jahren hatten nur wenige Länder Informatik, Japan zum Beispiel überhaupt nicht. Heute ist Informatik dort Pflichtfach. Was für eine Entwicklung.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 20 Jahre des Informatik-Bibers?

Ich wünsche mir, dass er so bleibt, wie er ist. Das ist einfach genial: kurze Aufgaben, die interessante intellektuelle Herausforderungen sind und Neugierde wecken. Allein aus diesem riesigen Wissensbereich kleine, in sich plausible und geschlossene Inselchen herauszufinden, die man zu einer Aufgabe machen kann, das ist ja schon toll. Und unheimlich hilfreich.

Solche didaktischen Ideen halten sich unter Umständen über Jahrzehnte. In der Mathematik gibt es dafür viele Beispiele, dass man sich die Zahlen als eine Gerade vorstellt, etwa. Pädagogische Ideen, die einmal erfunden worden sind und dann plötzlich permanenter Bestandteil der Lehrbücher waren. Ich glaube, so etwas leistet der Biber auch: Da entstehen Ideen, die auf Dauer im Unterricht und in den Lehrmaterialien bleiben.

Zum Abschluss: Wenn Sie heute eine einzige Botschaft an Schülerinnen und Schüler richten könnten, welche wäre das?

Informatik ist eine tolle technische Wissenschaft mit einem breiten inhaltlichen Spektrum und mit vielen Möglichkeiten, seine Talente zu entfalten.

Michael Weigend

Mitglied im Autorenteam des Informatik-Bibers seit den Anfängen. Er kam über die Universität Münster zum Wettbewerb, war Lehrer an einer Gesamtschule und abgeordneter Lehrer am Lehrstuhl für Theoretische Informatik der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Lehrbücher zu Programmierung, Modellierung und Künstlicher Intelligenz und lebt in Witten.

Weitere Stimmen zum Informatik-Biber

Das Interview ist Teil der Serie zum 20. Informatik-Biber. Alle Interviews, Aufgaben aus der Schatztruhe und Material für Ihre Schule finden Sie auf der Seite zum Jubiläum. Die Biberwochen laufen vom 9. bis 20. November 2026. 

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