Herr van den Boom, Sie gehören zu den Lehrkräften, die den Informatik-Biber von Anfang an erlebt haben. Wie sind Sie damals auf den Wettbewerb aufmerksam geworden?
Aufmerksam geworden bin ich über den Bundeswettbewerb Informatik, daran haben wir auch schon immer teilgenommen. Dann kam die Information, dass es nun auch den Informatik-Biber geben würde.
Für uns war das spannend, weil der Bundeswettbewerb Informatik ja eher etwas für Schülerinnen und Schüler ist, die schon programmieren können oder sich sehr intensiv mit Informatik beschäftigen. Der Biber war dagegen von Anfang an ein Wettbewerb, den man viel breiter anbieten konnte, zunächst bei uns in den Informatikkursen, aber eben mit einem ganz anderen Zugang.
In welchen Kursen haben Sie den Biber damals eingesetzt?
Wir haben ihn am Anfang in den Informatikkursen eingesetzt, also im Differenzierungsbereich in Klasse 9 und 10 sowie in den Oberstufenkursen der Jahrgangsstufen 11, 12 und 13. Das war für uns ein guter Rahmen, um den Wettbewerb auszuprobieren.
Was ist Ihnen aus den ersten Jahren besonders in Erinnerung geblieben?
In Erinnerung geblieben ist mir vor allem, dass es technisch anfangs noch herausfordernd war. Man hatte das Gefühl, dass das Team selbst ein bisschen überrascht war, wie viele Schülerinnen und Schüler mitmachen wollten. Manchmal funktionierte die Seite nicht sofort oder nicht in jedem Browser zuverlässig. Aber das wurde von Jahr zu Jahr besser.
Man merkte damals einfach: Das war noch ein Projekt, das mit viel Engagement auf die Beine gestellt wurde. Es wirkte nicht so, als sei da von Anfang an sehr viel Geld oder eine riesige Infrastruktur vorhanden gewesen. Umso bemerkenswerter ist es, was daraus geworden ist.
Außerdem war die Zeit technisch eine ganz andere. Heute erwarten Kinder und Jugendliche, dass Webseiten interaktiv sind. Damals war es etwas Besonderes, am Computer einen Wettbewerb zu machen, auf einer Website etwas anzuklicken, zu bewegen und direkt eine Rückmeldung zu bekommen. Das war für viele Schülerinnen und Schüler noch nicht selbstverständlich.
Welche Bedeutung hatte der Biber damals für Ihre Schülerinnen und Schüler?
Es war einfach etwas Neues, das man gemeinsam ausprobiert hat. Es war schon ein bisschen aufregend, weil es ein anderes Format war als das, was man sonst kannte. Heute ist der Biber viel mehr Routine. Viele kennen ihn schon aus jüngeren Klassen, bei uns inzwischen auch aus Klasse 5 und 6. Aber sie machen die Aufgaben trotzdem immer noch gerne.
Das ist überhaupt etwas, was ich am Biber sehr schätze: Die Schülerinnen und Schüler gehen nicht hinein und sagen, dass sie darauf keine Lust haben. Sie machen gerne mit, unabhängig davon, ob sie später einen Preis gewinnen oder nicht. Es macht ihnen Spaß, sich mit den Aufgaben zu beschäftigen.
Worin liegt dieser Spaß aus Ihrer Sicht?
Ich glaube, es ist das Knobeln. Die Aufgaben fordern zum Nachdenken heraus, aber sie sind gleichzeitig anschaulich und oft interaktiv. Man bekommt eine visuelle Rückmeldung und kann nachvollziehen, was passiert. Das ist ein großer Unterschied zu Aufgaben, die nur auf Papier stehen.
Beim Biber muss man zwar nachdenken, aber man kann auch etwas ausprobieren, bewegen, anklicken. Und wenn man nicht sofort die perfekte Lösung findet, hat man trotzdem einen Zugang. Es gibt bunte Bilder, eine Geschichte, eine Situation. Das macht die Hemmschwelle niedriger.
Ein großer Vorteil ist auch, dass man nicht vorher schon programmieren können muss. Man kann mit reinem logischem Nachdenken weiterkommen. Natürlich hilft strukturiertes Denken, aber man kann sich beim Biber nicht so leicht blamieren. Auch schwächere Schülerinnen und Schüler können Erfolgserlebnisse haben.
Hat sich die Reaktion der Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu früher verändert?
Der Überraschungseffekt ist heute nicht mehr so groß. Früher war allein das Format etwas Besonderes. Heute sind interaktive Webseiten Alltag. Die Kinder kennen es, irgendwo zu klicken und eine Reaktion zu bekommen. Aber sie machen die Aufgaben trotzdem gerne.
Der Biber ist in seiner Grundidee gleich geblieben. Ich habe mir im Vorfeld auch noch einmal alte Aufgaben angesehen und finde, dass der Charakter erhalten geblieben ist. Die Aufgaben sind immer noch nah dran an dem, was den Biber ausmacht.
Hat sich aus Ihrer Sicht der Blick der Jugendlichen auf Informatik verändert?
Ja, vor allem in den letzten Jahren noch einmal deutlich. Das Bewusstsein dafür, dass Informatik überall um uns herum ist, ist stärker geworden. 2007 war vieles noch stärker im Hintergrund. Natürlich gab es Computer und Technik, aber sie waren nicht so unmittelbar im Alltag erfahrbar wie heute.
Heute hat jedes Handy sehr viele Funktionen, Geräte sind vernetzt, selbst Staubsauger oder Haushaltsgeräte haben Chips und WLAN. Dadurch wird viel deutlicher: Da steckt Informatik drin.
Ob das direkt dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler sagen: „Deshalb will ich jetzt unbedingt Informatik machen“, würde ich nicht unbedingt sagen. Aber der Biber hat die Stärke, dass man oft gar nicht sofort merkt, dass man gerade Informatik macht. Erst im Nachhinein kann man darüber sprechen: Was steckt dahinter? Welche informatische Idee wurde hier verwendet?
Nutzen Sie Biber-Aufgaben auch im Unterricht nach?
Ja, manchmal greifen wir einzelne Aufgaben später noch einmal auf. Dann schauen wir: Was habt ihr da eigentlich gemacht? Was steckt dahinter? Oft passt das zu Unterrichtsthemen, zum Beispiel wenn es um bestimmte Grundideen der Informatik geht.
Das Material gibt einem ja grundsätzlich die Möglichkeit, Aufgaben auch über den Wettbewerb hinaus zu nutzen. Man könnte theoretisch das ganze Jahr „bibern“. In der Praxis muss es natürlich zum Unterricht passen. Aber alte Aufgaben sind immer wieder eine gute Quelle, wenn man etwas veranschaulichen möchte.
Wie war die Resonanz in den Anfangsjahren bei Kollegium, Schulleitung oder Eltern?
Bei uns war die Resonanz sehr positiv. Die Schulleitung fand es gut, dass wir den Biber einführen wollten. Wir sind ein Gymnasium mit MINT-Schwerpunkt, und da war klar: Wenn es so etwas gibt, wollen wir dabei sein.
Da wir den Wettbewerb zunächst nur in den Informatikkursen durchgeführt haben, waren andere Kolleginnen und Kollegen organisatorisch kaum betroffen. In der Fachschaft haben alle mitgemacht. Der Aufwand war überschaubar: Man musste eine Stunde investieren, die Daten hochladen, die Zugänge verteilen, und dann konnte es losgehen. Das war ein großer Vorteil.
Welche Rolle spielt der Biber heute an Ihrer Schule?
Am Anfang war es wirklich ein Projekt, das wir ausprobiert haben. Heute ist klar: Der Biber gehört bei uns zum Schuljahr dazu. Wir müssen nicht mehr fragen, ob wir ihn machen, sondern nur schauen, wann genau der Zeitraum ist und wie wir es organisieren.
Bei uns nehmen inzwischen die 5. und 6. Klassen teil sowie die Informatikkurse. Wir würden es gerne immer wieder ausweiten, aber organisatorisch ist das nicht ganz einfach, weil Computerräume frei sein müssen. Wenn künftig mehr iPads verfügbar sind, lässt sich das vielleicht noch leichter umsetzen.
Für die Informatikkurse und die Klassen 5 und 6 ist der Biber jedenfalls fest im Terminkalender verankert.
Sie haben auch den Biber an eine Grundschule weitergetragen. Wie kam das an?
Sehr gut. Ich musste nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. Die Grundschule hatte anfangs vor allem Sorge, wie groß der administrative Aufwand ist. Ich konnte aber sagen: Man registriert sich, lädt einmal die Namensliste hoch, bekommt die Zugänge, und dann kann man starten.
Die Grundschule hat den Biber in der vierten Jahrgangsstufe angeboten, zunächst für Kinder, die sich melden wollten. Die Rückmeldung war positiv, und ich glaube, sie können sich gut vorstellen, das weiterzuführen oder sogar auszuweiten.
Ein Thema sind dort eher die Endgeräte. Es gibt keinen klassischen Computerraum, vieles läuft über iPads, und davon sind noch nicht immer genug vorhanden. Aber grundsätzlich war die Offenheit groß. Ich glaube, die größere Hürde ist an Grundschulen weniger die Frage, ob Kinder am Computer arbeiten dürfen, sondern eher die technische und organisatorische Umsetzung.
Erreicht der Biber auch Schülerinnen und Schüler, die sonst Hemmungen gegenüber Informatik oder Naturwissenschaften haben?
Ja, das würde ich schon sagen. Gerade weil die Aufgaben nicht sofort wie klassische Informatik wirken, lassen sich viele eher darauf ein. Man muss nicht vorher programmieren können, sondern kann durch Nachdenken, Ausprobieren und logisches Vorgehen weiterkommen.
Das Schöne ist, dass auch Schülerinnen und Schüler, die sonst vielleicht nicht zu den Stärksten gehören, Erfolgserlebnisse haben können. Sie sind vielleicht nicht gleich unter den Preisträgern, aber sie merken: Ich kann hier mitdenken und Lösungen finden.
Hat sich der Biber mit der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler verändert?
Ich finde, der Biber geht mit der Zeit. Es gab immer wieder Aufgaben, die an Dinge anknüpfen, die Schülerinnen und Schüler kennen, zum Beispiel Netzwerke oder soziale Zusammenhänge. Gleichzeitig muss eine Aufgabe nicht immer eins zu eins aus ihrem Alltag stammen. Auch wenn Biber Hölzchen sortieren, kann das eine gute und attraktive Aufgabe sein.
Entscheidend ist, dass die Aufgaben interessant sind und Schülerinnen und Schüler ansprechen. Das gelingt aus meiner Sicht gut.
Was kann der Biber besonders gut?
Der Biber kann Informatik unterschwellig vermitteln. Er verbindet Knobeln, interaktive Elemente und einen niedrigschwelligen Zugang. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit informatischen Ideen, ohne dass sie sofort das Gefühl haben: Jetzt machen wir schwierige Informatik.
Für mich ist das ein sehr gelungener Zugang. Viel mehr erwarte ich von einem Wettbewerb, der einmal im Jahr 45 Minuten dauert, auch gar nicht. Er soll motivieren, Spaß machen und einen anderen Blick auf Informatik ermöglichen.
Gibt es etwas, das der Biber aus Ihrer Sicht noch besser machen könnte?
Grundsätzlich finde ich das Format sehr gut. Wenn man etwas verbessern wollte, könnte man über die Preise nachdenken. Da gibt es immer wieder Dinge, die gut gemeint sind, aber dann bei den Schülerinnen und Schülern liegen bleiben. Praktische Dinge, die man wirklich benutzen kann, kommen oft gut an, zum Beispiel Kugelschreiber, die dann noch Jahre später im Mäppchen liegen.
Auch Kartenspiele oder Aufkleber können gut funktionieren. Wenn es gelänge, vielleicht mit einem Sponsor noch etwas attraktivere Preise anzubieten oder vorher stärker sichtbar zu machen, was man gewinnen kann, könnte das die Motivation noch einmal erhöhen. Aber das ist kein entscheidender Kritikpunkt. Der Wettbewerb funktioniert auch so gut.
Sie hatten auch die Idee einer möglichen Zertifizierung oder Auszeichnung für Schulen angesprochen. Wäre das interessant?
Grundsätzlich ja. Allerdings nehmen solche Siegel und Zertifikate an Schulen insgesamt stark zu. Viele Schulen haben inzwischen sehr viele davon hängen. Deshalb müsste man gut überlegen, was genau damit ausgezeichnet wird.
Interessant wäre aus meiner Sicht weniger ein reiner Vergleich nach Teilnehmerzahlen. Da haben Schulen, die die ganze Schule teilnehmen lassen, natürlich andere Möglichkeiten. Spannender fände ich, wenn Engagement, Kontinuität oder Entwicklung berücksichtigt würden, also etwa, dass eine Schule schon lange dabei ist und den Biber fest etabliert hat.
Beim Bundeswettbewerb Informatik ist der Schulpreis für uns tatsächlich ein Ansporn. Wenn es so eine Anerkennung nicht gäbe, wäre die Motivation vielleicht geringer, Schülerinnen und Schüler jedes Jahr wieder zur Teilnahme zu bewegen.
Gibt es ehemalige Schülerinnen und Schüler, die den Biber selbst erlebt haben und heute wieder als Lehrkräfte damit in Kontakt kommen?
Ja, auf jeden Fall. Wer in den letzten Jahren bei uns Informatik gemacht hat, hat zwangsläufig auch am Biber teilgenommen. Aktuell haben wir zum Beispiel einen Referendar, der bei uns Abitur gemacht hat und damals ebenfalls am Biber teilgenommen hat. Nach 20 Jahren gibt es also inzwischen tatsächlich junge Kolleginnen und Kollegen, die den Biber schon aus ihrer eigenen Schulzeit kennen.
Haben Sie eine besondere Anekdote aus 20 Biber-Runden?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Dreh eines Videos zum Informatik-Biber. Damals kam ein Filmteam an unsere Schule, und wir haben mit meiner Klasse daran teilgenommen. Ich war damals Klassenlehrer dieser Klasse.
Dieses Video ist, glaube ich, immer noch irgendwo auf der Biber-Seite zu finden. Einige der damaligen Schülerinnen und Schüler haben inzwischen längst Abitur gemacht. Einer hat das Video später noch einmal entdeckt und fand es witzig, sich dort wiederzusehen.
Ich kann mich beim Anschauen noch genau erinnern, wo die Kamera stand und wie die Situation war. Für die Schülerinnen und Schüler war das spannend, für uns auch. Es war auch eine Ehre, dass wir dafür ausgewählt wurden.
Interessant ist auch: Den Biber gibt es noch, aber den Raum, in dem das Video gedreht wurde, gibt es nicht mehr. Die alten Computerräume hingen damals an der Aula, die inzwischen abgerissen wurde. Heute haben wir neue Computerräume. Auf alten Fotos sieht man noch, wie zusammengewürfelt die Computer damals waren. Auch daran merkt man, wie viel sich in diesen Jahren verändert hat.
Wenn Sie den Biber in wenigen Worten beschreiben müssten: Was ist für Sie das Besondere?
Für mich ist der Informatik-Biber: Informatik mal anders, für alle zugänglich und ohne großen Aufwand für die Schule.
Was wünschen Sie dem Informatik-Biber zur 20. Auflage?
Ich würde sagen: Weiter so. Ich hoffe, dass es den Biber noch ganz lange gibt. Und ganz herzlichen Dank auch von Schulseite für diesen Wettbewerb.
Ich glaube, man muss auch bedenken: Wenn Schulen sich nicht melden, heißt das oft, dass alles gut läuft. Lehrkräfte sind durchaus kritisch. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, melden sie sich. Dass der Biber inzwischen so große Teilnahmezahlen hat, zeigt, dass er sich herumgesprochen hat.
Heute kennt eigentlich jeder, der Informatik an Schulen unterrichtet, den Biber. Es ist selbstverständlich geworden, dass man, wenn man Informatik an der Schule anbietet, auch an diesem Wettbewerb teilnimmt. Aus einer Initiative ist etwas geworden, das fest im Schulalltag angekommen ist. Dafür kann man nur Danke sagen.